Der 1. Mai wurde im Nationalsozialismus als ‚Tag der nationalen Arbeit‘ inszeniert und diente der ideologischen Gleichschaltung der Arbeiterschaft. Betriebe aus ganz Deutschland, darunter auch Unternehmen aus Schiltach wie Hansgrohe, nahmen an den reichsweiten Propagandaumzügen teil. Diese Veranstaltungen sollten die Einheit von Arbeit, Volk und Führer demonstrieren und die Loyalität gegenüber dem Regime öffentlich bekunden. Im Vorfeld erließen die Behörden detaillierte Vorschriften zur Beflaggung, Kleiderordnung, Marschordnung und zu den zeremoniellen Abläufen, um ein einheitliches und machtvolles Bild zu erzeugen. Auf dem Foto ist ein Festwagen von Hansgrohe anlässlich des 1. Mai zu sehen. Der Festwagen feierte die Internationalität des Unternehmens, zeigte umseitig aber auch die neue Staatsflagge: das Hakenkreuz.
Zwischen Front und Fabrik
Gerät die Welt aus den Fugen, bleibt kein Ort verschont. Auch in Schiltach, fern der großen Schlachtfelder, verändern die Weltkriege alles: den Alltag, die Wirtschaft, die Menschen. Familienbetriebe wie Hansgrohe stehen vor existenziellen Herausforderungen. Patriotismus, staatlicher Druck und der Wunsch nach Normalität prägen den Umgang mit der Krise. Hinter nüchternen Zahlen und Produktionsplänen verbergen sich persönliche Geschichten – von Anpassung, Verantwortung und Überleben.
Erster Weltkrieg: Versorgung und Mangel
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs werden zwölf Mitarbeiter eingezogen. Ihren Familien fehlt der Ernährer. Hans Grohe reagiert pragmatisch: Er pachtet Äcker und Gärten, um Mitarbeitende und Angehörige der Eingezogenen mit Lebensmitteln zu versorgen.
In Deutschland herrscht Hungersnot, die Zeitungen sprechen 1916/17 vom „Kohlrübenwinter“. Wegen der britischen Seeblockade und kriegsbedingter Engpässe blieben viele Menschen nur Steckrüben als Hauptnahrungsmittel. Der Krieg trifft auch indirekt: Alle Vorräte des Unternehmens an Kupfer, Messing sowie Fertig- und Halbfabrikate werden beschlagnahmt.
Erster und Zweiter Weltkrieg: Zünderfertigung
Als metallverarbeitender Betrieb mit Maschinenpark und Fachwissen wird Hansgrohe im Ersten und Zweiten Weltkrieg in die Rüstungsproduktion einbezogen. Auf Anweisung fertigt das Unternehmen Zünder sowie deren Bauteile und kleinere Metallkomponenten.
Im Zweiten Weltkrieg steigen Mitarbeiterzahl, Arbeitszeiten in Mehrfachschichten, Produktionsfläche und Gesamtausstoß drastisch an. 1939 arbeiten 255 Personen an der Kinzig, 1944 sind es bereits 466.
Hansgrohe strebt die Fortführung der Kriegsproduktion zu keinem Zeitpunkt an. 1941 heißt es intern, alles für die Herstellung von „Heeresgeräten“ sei in Friedenszeiten „vollkommen wertlos“. Nach Kriegsende schrumpft die Produktion rapide: 1946 arbeiten nur noch 70 bis 80 Menschen an drei Tagen pro Woche im Werk.
Zeit des Nationalsozialismus: Wachstum und Anpassung
1933 beginnt im Deutschen Reich die NS-Diktatur, getragen von großen Teilen der Bevölkerung. Hans Grohe sen. und jun. stehen auf der Seite bürgerlich-liberaler Parteien. Anders als sein resoluter Vater arrangiert sich Hans Grohe jun., später Mitgeschäftsführer, mit den neuen Umständen und tritt in die NSDAP ein. Weitere Parteieintritte auf Ebene der familienfremden Prokuristen erfolgen erst unter äußerem Druck während des Krieges.
Das Wachstum von Hansgrohe in den 1930er-Jahren und die Position als bedeutender Akteur der Sanitärbranche sind vor allem auf die gesamtwirtschaftliche Erholung zurückzuführen. Zwischen 1933 und 1937 verdoppelt sich der Umsatz und erreicht ein Rekordniveau. Eine wichtige Säule ist auch das stabile Auslandsgeschäft, das Hansgrohe durch die Weltwirtschaftskrise getragen hat. 1937 vertreiben 21 Vertreter im In- und Ausland die Waren aus Schiltach. Ein Zusammenhang zwischen dem Unternehmenserfolg und der Politik des NS-Regimes besteht nicht. Bis mindestens 1938 hält Hansgrohe an zwei „nichtarischen“ (NS-Begriff) Vertretern fest.
Der 1. Mai im Nationalsozialismus
Umzug zum ‚Tag der nationalen Arbeit‘ in Schiltach
Zweiter Weltkrieg: Zwangsarbeit
Ab 1939 werden viele Mitarbeitende an die Front berufen. Gleichzeitig muss Hansgrohe ab 1940 erneut Rüstungsgüter produzieren und gilt als „kriegswichtiger“ Betrieb. Zunächst schließen dienstverpflichtete Frauen aus der Region die Lücken.
Ab 1941 werden dem Unternehmen westeuropäische Vertragsarbeiter zugeteilt, ab 1942 folgen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, vor allem aus der Ukraine. Auch französische Kriegsgefangene arbeiten bei Hansgrohe. Diese Praxis ist Teil des immer größer werdenden Systems der NS-Zwangsarbeit im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten Europas.
Zwischen 1941 und 1945 werden Hansgrohe mindestens 90 bis 100 Zwangsarbeitende zugeteilt. 1944 liegt ihr Anteil bei 16 Prozent der Belegschaft. Sogenannte Zivilarbeiter aus Frankreich, den Niederlanden und Polen sind privat und in Gaststätten untergebracht. „Ostarbeiterinnen“ und „Ostarbeiter“ aus der Sowjetunion, vor allem aus der Ukraine und Russland, leben in einer Holzbaracke auf dem Werksgelände.
Hansgrohe bemüht sich um eine menschliche Behandlung, angemessene Versorgung und setzt sich gegenüber Behörden für mehr Freiheiten ein. Dies würdigt auch eine polnische Zwangsarbeiterin in einem Schreiben an Hans Grohe sen. nach Kriegsende. An den harten äußeren Umständen des Zwangseinsatzes ändert dies jedoch nichts.
Im Jahr 2000 beteiligt sich Hansgrohe an der Entschädigung früherer Zwangsarbeitender über die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“.
Besatzung und Neubeginn
Schiltach wird 1945 von französischen Truppen besetzt. Allein bei der Familie Grohe werden bis 1946 sieben Mal Soldaten einquartiert. Hans Grohe sen. freundet sich mit dem Kommandanten an. „Papa Grohe“, wie er von ihm genannt wird, hält später noch Briefkontakt nach Paris.
Vom Krieg profitiert Hansgrohe zwar durch den Werksausbau. Doch als früherer Rüstungsbetrieb muss das Unternehmen nun umfangreiche Reparationen leisten, verliert gelagerte Rohstoffe sowie Maschinen. Hinzu kommen erhebliche Außenstände aus unbezahlten Warenlieferungen. Erst 1949 gelingt es, die drohende Demontage durch die französische Besatzung endgültig abzuwenden.
Damit beginnt für Hansgrohe eine neue Phase: der mühsame Wiederaufbau in Friedenszeiten.
Historische Einordnung
Im Jahr 2000 beteiligte sich die Hansgrohe AG an der Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter über die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und führte erste Recherchen durch. Um Klarheit über die Rolle des Unternehmens in der NS-Zeit zu erhalten, wurden im Rahmen des laufenden Aufbaus eines professionellen Unternehmensarchivs durch die Birke und Partner GmbH 2024–2025 interne wie externe historische Überlieferung durch Historiker*innen gesichtet und ausgewertet.